Das geeignete Rad

Auch wenn viele Radenthusiasten mit ihrem Traumrad, einer reinrassige Rennmaschine, unterwegs sind, genügt im Prinzip ein Dreigang-Tourenrad, um die Radtouristik zu betreiben. Ich selbst habe mit einem alltagstauglichen Halbrenner mit Stahlrahmen angefangen, mit dem ich überall gut zurechtkomme und selbst bei Jedermann-Rennen nicht abgehängt worden bin. Inzwischen besitze ich auch eine Rennmaschine. Mountainbikes und All-Terrain-Bikes / Trekking-Bikes sind im Radtouristiksport ebenfalls vertreten, wenn auch in geringerer Zahl. Sie haben den Nachteil des höheren Rollwiderstandes* durch die breiten Niederdruckreifen, den breiten Lenker, das höhere Gewicht und die weniger aerodynamische Sitzposition. Wenn du jedoch ein MTB hast und dir nicht noch zusätzlich einen Renner in den Keller oder die Garage stellen möchtest, kannst du durchaus mit deinem Geländebolzen Spaß haben.

Mein "Everton Jazz" - ein Einzelimport aus Dänemark - ist mit einer sehr wartungsarmen Siebengang-Nabenschaltung ausgestattet und ich habe nur gelegentlich an Steigungen oder bei langen Abfahrten zwei bis drei Gänge mehr vermisst. Wenn du jedoch gern sehr schnell fahren oder den Blankeneser Waseberg im Sattel sitzend hinaufkommen möchtest, gönne dir ruhig zwölf bis siebenundzwanzig Gänge.

Wichtig ist eine optimale Anpassung des Rades an deine Körpermaße, ein guter Sattel (z.B. ein Gelsattel) und ein Lenker, der Handschmerzen vermeiden hilft. Ein gebogener Rennlenker oder ein Trekkinglenker lässt einen regelmäßigen Wechsel der Handhaltung eher zu als ein einfacher Tourenlenker. Beim Mountainbike helfen Cross-Country-Hörnchen an den Lenkerenden. Solltest du deinen Rücken besonders schonen müssen, schaffe dir eine gefederte Sattelstütze an, die genau auf dein Gewicht eingestellt ist. Beim Überfahren von Schlaglöchern, Wurzelaufbrüchen und Kopfsteinpflaster wirst du den Komfortgewinn spüren.

Schmale Hochdruckreifen senken den Rollwiderstand* deutlich. 3-5fache Polyamid- oder Kevlareinlagen in der Karkasse vermindern das Pannenrisiko, verhindern die leidigen "Plattfüße" aber nicht ganz. Sei vorsichtig beim Kurvenfahren, besonders bei feuchter Straße. Sinkt der Luftdruck unter 6 Bar, fangen Hochdruckreifen spürbar an zu walken und verlieren an Seitenführung. Sorge also immer dafür, mit mindestens 6-8 Bar zu fahren. Darüber steigt das Pannenrisiko erfahrungsgemäß durch Schlauchplatzer.

Voluminöse Tourenreifen und besonders die breiten MTB-Reifen haben einen vergleichsweise hohen Rollwiderstand*, sind aber durch Stollen, Schlauchschutz-Einlagen sowie ihre dickere Karkasse pannenresistenter und reagieren gutmütiger auf Druckabfall. Wenn du mit einem MTB an einer Radtouristikfahrt teilnimmst, solltest du vorzugsweise Reifen mit durchgehendem Mittelsteg oder Semi-Slicks mit leichtem seitlichen Stollenprofil aufziehen. Die Breite sollte möglichst unter 2 Zoll betragen, denn die brummigen, schweren Stollenreifen in Überbreite zehren bei längeren Distanzen zu sehr an deinen Kräften, auch wenn du sie mit 4 Bar und mehr fährst.

* Ich verwende den Begriff Rollwiderstand hier physikalisch unkorrekt. Gemeint ist die Gesamtheit der durch Rad und Reifen bedingten Kräfte Walkwiderstand, (Ab-) Rollwiderstand und Massenkräfte. Aktuell versuchen die Reifenherstellen einen neuen Trend zur dicken Gummiwurst auf dem Markt zu lancieren. Motto: Breit rollt gut. Es wird behauptet, ein Breitreifen habe weniger Rollwiderstand als die bisher favorisierten schmalen Pneus. Die Einschränkung "bei gleichem Luftdruck" kommt meist recht verschämt im Kleingedruckten hinterher. Physikalisch ist dies korrekt, doch der beliebte 23er Conti Grand Prix ist bei unter 5 Bar unfahrbar, weil schwammig und ohne sichere Seitenführung und wer versucht, den Schwalbe Big Apple auf Druck zu bringen, erntet eher einen Schlauchplatzer oder bricht erschöpft mit seiner Luftpumpe zusammen eher er 8 Bar erreicht. Es ist die alte Geschichte mit den Äpfeln und den Birnen. Der dicke Ballon ist komfortabel, gutmütig, schwer und träge, die schmale Asphaltfräse ist knüppelhart, empfindlich, leicht und dynamisch.


Georg Rittel, RG Wedel, 2002